Die Ottobeurer Glocken

Von P. Stefan Ulrich Kling o. praem. (Roggenburg)
Glockensachverständiger der Diözese Augsburg


Die reich bewegte Glockengeschichte der Basilika St. Theodor und Alexander in Ottobeuren lässt sich nach gegenwärtigem Forschungsstand zurückverfolgen bis in das Jahr 1439. Damals entstanden für die Vorgängerkirche der heutigen Basilika die erste „Hosanna“, Vorvorgängerin der heutigen großen Glocke gleichen Namens und eine weitere Glocke, „kleine Hosanna“ genannt. Diese Glocken wurden 1577 unter Abt Kaspar Kindelmann (1547-1584) von der Biberacher Gießhütte (Joachim Volmer I.) um zwei weitere kleinere Glocken ergänzt, die noch heute existieren. Die kleinere dieser zwei Glocken befindet sich auf dem Ostturm der Basilika (Glocke 6), die größere wurde bei der Beschaffung des neuen Geläutes 1948 an die Pfarrei Lamerdingen bei Buchloe verkauft.

Im Jahre 1784 wurde unter Abt Honorat Göhl (1767-1802) von Johann Georg Ernst aus Memmingen eine kleine Glocke gegossen, dabei handelt es sich möglicherweise um die in einem Kirchenführer von 1864 erwähnte „Antlaßglocke“.

Nach der Säkularisation wurde 1806 die Hosannaglocke von 1439, die wegen ihrer Klangschönheit im 30jährigen Krieg von den Schweden nicht zerstört worden war, vom Bayerischen Staat als Eigentümer der Basilika verkauft. Die als prächtig gerühmte Glocke gelangte in die reformierte Kirche von Wald im schweizerischen Kanton Appenzell. 1902 wurde sie dort als Gussmaterial für die Neubeschaffung eines kompletten Geläuts verwendet.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestand das Hauptgeläute der Basilika somit nur aus drei Glocken: der kleinen Hosanna von 1439, die aber 1817 von Johann Spannagel aus Landsberg wegen eines Risses umgegossen worden war, sowie den beiden Glocken von 1477. Diese Glocken läuteten vom Ostturm der Basilika, der Westturm besaß zu dieser Zeit keine Glocken.

Zum 1100jährigen Jubiläum des Klosters wurden im Jahre 1864 drei Glocken zur Ergänzung des Geläuts beschafft, darunter als größte die zweite Hosanna mit einem Gewicht von fast 78 Zentnern, einem Durchmesser von 184 cm und dem Nominal (=Schlagton) a. Der Gießer dieser Glocken war Johann Hermann aus dem benachbarten Memmingen.

Die zwei kleineren Glocken von Hermann aus dem Jahr 1864 wurden im ersten Weltkrieg zu Rüstungszwecken vom Staat beschlagnahmt und eingeschmolzen. Im Jahre 1926 wurde dieser Verlust durch den Neuguß dreier Glocken ausgeglichen: In der Gießerei Radler in Lauingen entstanden die Marienglocke (Gewicht 500kg, Nominal a’), die Benediktusglocke (Gewicht 285kg, Nominal c’’) und, als klangliche Ergänzung zur Hosanna, die sog. Preciosa mit einem Gewicht von 2300kg und dem Nominal c’.

Von 1926 bis zum zweiten Weltkrieg bestand das Geläut somit aus folgenden sechs Glocken:

auf dem Westturm: Hosanna von 1864 und Preciosa von 1926

auf dem Ostturm: kleine Hosanna von 1439 (umgegossen 1817), Elfuhrglocke von 1577, Zwölfuhrglocke von 1577, Marienglocke von 1926 und Benediktusglocke von 1926

Die Schlagtöne dieser Glocken waren folgende:

a            c’            d’            f’            g’            a’            c’’
 

Von diesen sieben Glocken entging nur die kleinste, die Benediktusglocke der erneuten Beschlagnahmung der Glocken zu Zwecken des NS-Regimes während des zweiten Weltkrieges. Die Abnahme der Glocken erfolgte zwischen dem 20. und 28. April 1942. Eingeschmolzen wurden von den abgenommenen Glocken die Marienglocke, die kleine Hosanna, die Preciosa und die Hosanna. Auch die Bemerkung des damaligen Pfarrers P. Maurus Zech OSB auf dem staatlichen Meldebogen, dass die Hosanna „klanglich unübertroffen“ sei, konnte diese nicht vor dem Schmelzofen retten. Einigermaßen unbeschadet überstanden die beiden Glocken aus dem Jahr 1577 den zweiten Weltkrieg, da sie nicht sofort verhüttet, sondern aufgrund ihres ehrwürdigen Alters zunächst auf dem sog. Glockenfriedhof in Hamburg eingelagert worden waren. Dort befand sich auch die kleine Glocke von 1784. Da sie nicht auf dem Meldebogen der Pfarrei vermerkt ist, ist zu vermuten, dass es sich um eine Glocke des Klosters gehandelt hat, die ebenfalls abgegeben werden musste. Da an dieser Glocke nach dem Krieg bei der Inventarisation in Hamburg ein Sprung festgestellt wurde, ist sie nicht mehr nach Ottobeuren zurückgekehrt. Sie wurde stattdessen für Umgußzwecke verwendet.

Trotz großer Notzeit nach dem Untergang des Dritten Reiches, setzten schon im Dezember 1945 die ersten Aktivitäten ein, die verlorenen Glocken zu ersetzen. Auf Vermittlung des Abtes Dr. Josef Maria Einsiedler OSB hin, sicherte der Glockensachverständige der Diözese Regensburg Domkapellmeister Prof. Theobald Schrems für Ottobeuren die Lieferung von 11443kg Kupfer und 3227kg Zinn als Glockenmaterial zu, das aus einer eigentlich für die Diözese Regensburg bestimmtem Metallzuteilung der amerikanischen Militärregierung stammte. Gleichzeitig beschlossen Pfarrer P. Maurus Zech OSB und die Militärregierung ein noch mächtigeres siebenstimmiges Geläute als bisher in Auftrag zu geben. Die Pfarrei musste zum Rohmetall hinzu Baumaterial, Brennholz, Wachs und Talg aus eigenen Beständen zur Verfügung stellen, damit die Glocken überhaupt geformt und gegossen werden konnten. Die Herstellungskosten – allein 12500 Reichsmark mussten für die neue Hosanna aufgebracht werden – wurden zum Teil durch eine Haussammlung und eines der ersten Basilikakonzerte überhaupt am 25.August 1946 gedeckt.

Gegossen wurden die Glocken von der Gießerei Johann Hahn in Landshut. Die neue Hosanna entstand bereits 1947. Beim Aufziehen der Glocke auf den Turm nach ihrer Weihe am 2.11.1947 riß unglücklicherweise das Seil als sich die Glocke in ca. 6m Höhe über dem Boden befand. Die Hosanna stürzte ab und bohrte sich in den Boden, sie erlitt aber erstaunlicherweise keinerlei Schaden und erreichte im zweiten Anlauf unbeschadet den Glockenstuhl im Westturm. 1948 erfolgte der Guß von weiteren sechs Glocken: Preciosa, kleine Hosanna, Elfuhrglocke, Zwölfuhrglocke Immaculata und Benedicta. Die Benediktusglocke von 1926 wurde als Glockenmaterial für das neue Geläute verwendet, die alte Elfuhrglocke von 1577, die den Krieg überstanden hatte, wurde leider, obwohl sie das Ottobeurer Klosterwappen und ein Bildnis des Abtes Kaspar Kindelmann trägt, an die Pfarrei St. Martin in Lamerdingen bei Buchloe verkauft, wo sie heute noch läutet. Ihre kleinere Schwester, die alte Zwölfuhrglocke von 1577 entging diesem Schicksal. Sie ist anstelle der von Hahn gegossenen Immaculata in das Nachkriegsgeläut mit übernommen worden, da der Schlagton der letzteren von der Linie der übrigen neuen Glocken völlig abwich und der Nominal der alten Glocke sich insgesamt wesentlich besser einfügt. Nachdem die neue Zwölfuhrglocke von Hahn 1985 gesprungen war, wurde diese Glocke 1986 von der Gießerei Bachert in Bad Friedrichshall in schwerer Rippenkonstuktion nochmals neu gegossen.

Somit setzt sich das Geläute der Basilika Ottobeuren heute aus folgenden sieben Glocken zusammen:


Glocke 1: Hosanna

Nominal (=Schlagton) g0-5, Durchmesser 198 cm, Gewicht 4995 kg
gegossen 1947 von Firma Hahn, Landshut
Bildnis: Allerheiligste Dreifaltigkeit

Inschrift:
Vivos voco, mortuos plango, fulgura frango nomen meum Hosanna
Die Lebenden rufe ich, die Toten beklage ich, die Blitze breche ich, mein Name ist Hosanna.

Chronogramm*:

Diro bello absVMpta tertIo nasCor pIe sVaVIterqVe CantatVra sanCtea trInItatI qVae propItIe astItIt ottenbVrae
Durch den grausamen Krieg hinweggenommen, erstehe ich zum dritten Mal, um fromm und lieblich der heiligsten Dreifaltigkeit zu lobsingen, die Ottobeuren gnädig zur Seite stand.

(NB.: Das Chronogramm dankt für den gnädigen Schutz beim Einmarsch der amerikanischen Truppen am Kriegsende 1945.)



Glocke 2: Preciosa

Nominal b0+2, Durchmesser 170 cm, Gewicht 3032 kg
gegossen 1948 von Firma Hahn, Landshut

Bildnis:
Die Kirchenpatrone der Basilika St. Alexander, St. Theodor und St. Sebastian

Inschrift:
Pretiosa in conspectu Domini mors sanctorum eius
Kostbar ist in den Augen des Herrn der Tod seiner Heiligen.

Chronogramm*:

MortIs pretIosae obtentV qVa sanCtI PatronI obIerVnt ChrIstVs rex paroChIanos IVgIter Donet CopIosa gratIa

Im Hinblick auf den kostbaren Tod der heiligen Patrone möge Christkönig die Pfarrgemeinde stets mit reicher Gnade beschenken.


Glocke 3: kleine Hosanna oder Scheidungsglocke

Nominal c1+4, Durchmesser 149 cm, Gewicht 2000 kg
gegossen 1948 von Firma Hahn, Landshut

Bildnis:
Tod des heiligen Josef; auf der gegenüberliegenden Seite: sich verzehrender Pelikan

Inschrift:
Aus dem Feuer bin ich geflossen; Johann Hahn aus Landshut hat mich gegossen.

Chronogramm*:

LIbens IVgIter patroCInare pIe sanCte Ioseph eCCLesIae CoenobIo abbatI, ViVis MorIentIbVs, VInclo CorporIs soLVtIs

O gütiger heiliger Josef, schütze immerdar gern Kirche, Kloster und Abt, die Lebenden, die Sterbenden und die, die schon befreit sind von der Fessel des Leibes.



Glocke 4: Elfuhrglocke

Nominal d1+4, Durchmesser 132 cm, Gewicht 1422 kg
gegossen 1948 von Firma Hahn, Landshut

Bildnis:
kreuztragender Heiland

Inschrift:
Ecce crucem Domini fugite partes adversae vicit leo de tribu Juda radix David
Seht das Holz des Kreuzes, fliehet feindliche Mächte, gesiegt hat der Löwe aus dem Stamme Juda, die Wurzel Davids.


Glocke 5: neue Zwölfuhrglocke

Nominal f1+4, Durchmesser 120 cm, Gewicht 1122 kg
gegossen 1986 von Firma Bachert, Bad Friedrichshall

Bildnis:
romanisches Kruzifix am Kreuzaltars der Basilika

Inschrift:
Jesus Nazarenus rex Judaeorum titulus triumphalis defendat nos
Jesus von Nazareth, König der Juden, dieser siegreiche Ehrenname schütze uns!


Glocke 6: alte Zwölfuhrglocke

Nominal g1+6, Durchmesser 101 cm, Gewicht 596 kg
gegossen 1577 von Volmer, Biberach

Bildnis:
Kreuzigungsgruppe mit knieendem Abt Kaspar Kindelmann und Wappen des Klosters

Inschrift:
wie bei Glocke 5


Glocke 7: Benedicta

Nominal a1+10, Durchmesser 88 cm, Gewicht 423 kg
gegossen 1948 von Firma Hahn, Landshut

Bildnis:
heiliger Benedikt

Inschrift:
Benedictus Deus in Sanctis suis
Gepriesen sei Gott in seinen Heiligen



* Die Texte der Chronogramme auf den drei großen Glocken stammen von P. Hermann Baurier OSB, Subprior der Benediktinerabtei St. Stephan in Augsburg, der nach der Bombardierung dieses Klosters in Ottobeuren lebte.



Quellen und Literatur:

Archivmaterial von Herrn Uhrmachermeister Max Mahler, Ottobeuren

Glockenarchiv der Diözese Augsburg

Deutscher Glockenatlas, Bayerisch Schwaben, München 1967